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Kommentar, 13. August 2013
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Verkehrte Börsenwelt

Gute Unternehmens- und Konjunkturaussichten sind die Basis für steigende Kurse an den Börsen. Aktuell ist es aber die durch die Notenbanken produzierte Liquiditätsflut. So zumindest wird der Börsenboom der letzten Jahre begründet. Das würde dann aber ja bedeuten, dass die Indizes ungerechtfertigt auf dem derzeitigen Niveau notieren. Dagegen sprechen die in den vergangenen Jahren gestiegenen Gewinne der Unternehmen.  Möglicherweise ist daher der aktuelle DAX-Stand doch fundamental unterlegt.

Zweifellos ist es aber so, dass die Notenbanken inzwischen über Wohl und Weh an den Börsen entscheiden. Als die amerikanische Notenbank Fed im Juni ankündigte, ihre expansive Geldpolitik zurückfahren zu wollen, gingen die Börsen auf Talfahrt. Der Druck verstärkte sich sogar, als die Amerikaner gute Konjunkturzahlen vermeldeten. Wieso? Eine gute Konjunktur könnte tatsächlich Spielraum für Zinserhöhungen durch die Notenbank bieten und damit die Investoren dazu verleiten, wieder Alternativen zur Aktienanlage für ihre Gelder zu suchen. Und weil viele Anleger glauben, dass es diesen Mechanismus geben könnte und das ja auch jeder prophezeit, ziehen sie ihre Gelder vorzeitig aus Aktien ab (selbsterfüllende Vorhersage).

Auslöser für die Kursverluste war also ein Ereignis, das eigentlich die Börsen befeuern sollte. Die Märkte reagierten – losgelöst von der individuellen Ebene –irrational oder besser verunsichert, bedingt durch die Notenbankpolitik. Ein alles in allem ungesunder Zustand. Doch kann man einem chronisch Kranken die Hilfe verweigern? Die Notenbanken werden sich hüten, ihre chronisch Kranken, Staatshaushalte und Bankbilanzen, zu überfordern. Und Zinssteigerungen hätten in der aktuellen Situation eine derartige Sprengkraft, dass man sich tunlichst zurückhalten wird. „Super“ Mario Draghi hat jüngst gar eine längerfristigen Zinsstop ausgerufen.

Denn die Staatsschulden der wichtigsten Industrienationen liegen auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Allein die aktuelle Niedrigzinsphase verhindert, dass ihnen diese Schulden nicht längst um die Ohren fliegen. Weiter hätte ein Zinsanstieg für Anleihen herbe Kursverluste zur Folge. Stephen Cecchetti, der Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, hat in einem Börsenzeitungs-Interview vorgerechnet: Wenn die Zinsen um 3 Prozentpunkte steigen, entstehen für Investoren nur in Staatsanleihen Verluste von 1 Billion Dollar. Und die Bankbilanzen bis hin zur EZB sind voll mit Staatsanleihen und nicht nur mit Staatsanleihen.

Weil also Financial Repression so bequem ist und niemand Lust verspürt auf eine neue Runde „Bankenrettung“, werden Zinserhöhungen vermutlich noch länger auf sich warten lassen. Zumal auch die Konjunkturaussichten und Preissteigerungsraten diese im Moment nicht nahelegen. Das befreit uns nicht vor volatilen Börsen, sollte aber vor größeren zinsbedingten Einbrüchen schützen. Und beim DAX stimmt noch dazu das Fundament.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Ferien- und Urlaubszeit. Kommen Sie gut erholt an die Börsen zurück, Sie werden weiterhin gute Nerven brauchen.

Harald Rotter, Chefredakteur AnlegerPlus
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