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AnlegerPlus Online, 16. März 2012
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Teufelskreis Target-Salden

Seit fast einem Jahr warnt ifo-Chef Hans-Werner Sinn nun schon vor den Konsequenzen der hohen Target-Salden, die sich bei der Bundesbank angehäuft haben. Jetzt, da Griechenland per Definition als insolvent gelten muss, könnten wir die Folgen der zweifelhaften Geldpolitik des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) zu spüren bekommen.

Je stärker die Staatsschuldenkrise in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist, desto häufiger war in den Medien von den sogenannten Target-Salden und Target2 die Rede. Hans-Werner Sinn, Vorstand des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung der Universität München, hat bereits vor gut einem Jahr auf das Ausfallrisiko der als Target-Salden bekannten Forderungen aufmerksam gemacht. Doch das öffentliche Interesse an diesem Thema wurde erst durch Voranschreiten der Schuldenkrise geweckt.

Was verbirgt sich hinter den Begriffen?
Target2 ist eine Abkürzung und steht für „Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System“. Wie der Name schon andeutet, versteht man darunter das System zur Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen mithilfe von Zentralbankgeld innerhalb der Eurozone. Im Prinzip soll das System den Geldtransfer zwischen den Euroländern vereinfachen: Jeglicher Zahlungsverkehr läuft demnach über die Europäische Zentralbank (EZB) und ist über das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) geregelt.

Ein gängiges Beispiel zur Veranschaulichung des Ablaufs ist folgendes:

  • Ein Grieche will sich bei einem deutschen Unternehmen einen Lkw kaufen. Hierfür nimmt er einen Kredit bei seiner Hausbank auf.
  • Wird der Kredit bewilligt, beauftragt die Hausbank die griechische Zentralbank, das Geld über die EZB zur Verfügung zu stellen.
  • Die Zentralbank übermittelt nun also der EZB, dass eine Überweisung an den deutschen Unternehmer getätigt werden soll.
  • Die EZB wiederum gibt den Auftrag an die Deutsche Bundesbank weiter.
  • Die Deutsche Bundesbank leitet den Auftrag an die Hausbank des deutschen Unternehmens, die eine Gutschrift auf das Konto des Unternehmens veranlasst.
  • Der Kaufvertrag kommt somit zustande und der Lkw geht auf die Reise nach Griechenland.


Der Unterschied zu einer Überweisung im Inland ist, dass über Target2 nicht direkt Geld fließt, sondern nur Forderungen. Nach Abschluss des Geschäfts im o.g. Beispiel besteht dann folgender Zusammenhang:

  • Die deutsche Hausbank hat durch das Guthaben eine Forderung gegenüber der Deutschen Bundesbank.
  • Die Deutsche Bundesbank hat eine Forderung gegenüber der EZB.
  • Die EZB hat eine Forderung gegenüber der griechischen Zentralbank.
  • Die griechische Zentralbank wiederum hat eine Forderung gegenüber der griechischen Hausbank.
  • Am Ende steht der griechische Käufer, dessen Hausbank eine Forderung gegen ihn in Höhe des ihm gewährten Kredits besitzt.


Diese Forderungen werden als Target-Salden bezeichnet und entsprechen prinzipiell einem Kredit. Die EZB fungiert in dem ganzen Vorgang als Schnittstelle und Sicherheit: Sie erhält von den „Schuldnern“ Sicherheiten (meist in Form von Staatsanleihen) und garantiert so den Gläubigerländern, dass diese ihr Geld wiederbekommen.

Worin liegt das Risiko?
Das oben genannte Beispiel könnte natürlich auch genau in umgekehrter Richtung laufen und in der Realität ist es auch so, dass Geschäfte in die eine und andere Richtung getätigt werden. Pro Tag werden so 350.000 Zahlungen im Wert von knapp 2,5 Bill. Euro abgewickelt. Im Normalfall, d.h. wenn alle Euroländer ausreichend liquide wären, würden dann zum Ende eines jeden Geschäftstages durch die EZB alle angefallenen Target-Salden als Forderung oder Verbindlichkeit verbucht und gegeneinander verrechnet. Wenn zum Beispiel am Tag des Lkw-Kaufs gleichzeitig ein deutscher Händler griechischen Wein gekauft hat, würden die Geldwerte miteinander verrechnet und was übrig bliebe, müsste das jeweilige Schuldnerland zahlen.

Viele Euroländer sind aber schon seit geraumer Zeit nicht mehr liquide und konnten so die Target-Salden nicht begleichen. Diese blieben also offen und Tag für Tag haben sich mehr Forderungen angehäuft, die nicht beglichen werden konnten. Aus diesem Grund hat die deutsche Bundesbank inzwischen mehr als 500 Mrd. Euro an Target-Salden gegenüber der EZB aufgebaut.

 

Die EZB hat zwar von den Schuldnerländern Sicherheiten für die gewährten Kredite eingefordert, aber im Zuge der Staatsschuldenkrise wurde sie weniger wählerisch und hat zum Beispiel als Sicherheiten auch Staatsanleihen von jetzigen Krisenländern akzeptiert, egal welchen Ratings. Zu guter Letzt hat das ESZB Anfang Februar 2012 sogar beschlossen, dass im Währungsgebiet künftig kein einheitlicher Sicherheitsrahmen mehr gelten werde. Das heißt im Klartext, dass die Zentralbanken ihren Banken zukünftig auf eigene Rechnung und gegen nahezu willkürlich gewählte Sicherheiten Geld leihen können.
Das Risiko, dass diese Sicherheiten im Pleitefall wertlos werden, ist immens. Im Fall einer Staatsinsolvenz müssten die als Sicherheiten ausgegebenen Staatsanleihen voraussichtlich abgeschrieben werden und die Gläubigerzentralbanken, die EZB und damit alle an ihr beteiligten Staaten müssten herbe Verluste hinnehmen.

Fazit
Für den Erhalt der Währung und des Euroraums scheint dieses Vorgehen den Politikern ein kleineres Übel zu sein. Bislang hat die Bundesbank alle Warnungen bzgl. der hohen Summe an Forderungen gegenüber der EZB in ihrer Bilanz in den Wind geschlagen: Ein Verlustfall würde schließlich nur dann eintreten, wenn ein Geschäftspartner des Eurosystems ausfallen oder aus dem Währungsverbund austreten würde, und das so etwas passieren würde, sei weitgehend ausgeschlossen. Außerdem hätte man ja ausreichend Sicherheiten für die zur Verfügung gestellten Gelder.

 

Leider ein gefährlicher Trugschluss, wie die Insolvenz Griechenlands beweist, und was die griechischen Sicherheiten nun noch wert sind, kann kaum eingeschätzt werden.
Und auch das letzte Argument, dass für Verluste der EZB alle EU-Mitgliedstaaten gemeinsam haften würden, hat seine Aussagekraft verloren. Denn die nationalen Zentralbanken haften zunächst nur in Höhe ihres Anteils an der EZB, die Deutsche Bundesbank wäre im Verlustfall mit rund 19 % dabei. Aber sollten noch mehr Mitgliedsländer als Griechenland zahlungsunfähig werden, würde sich der Anteil für die verbliebenen Staaten erhöhen und somit stiege die Summe selbstverständlich noch, für die Deutschland haften würde. Möglicherweise ins Unermessliche …

Stephanie Wente, Redaktion AnlegerPlus
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