Aus dem Verlag.

AnlegerPlus, 8. Oktober 2012
Schleichende-Enteignung-KM.jpg

Schleichende Enteignung

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Frau von der Leyen hat medienwirksam vorgerechnet, dass ab 2030 vielen Rentenbeziehern nicht einmal die monatliche Grundsicherung von derzeit 688 Euro zusteht. Private Vorsorge tut also Not. Doch die Bundesbürger benötigen derzeit jeden Cent zum Abbau der deutschen Staatsschulden (und dank EZB, EFSF und ESM nicht nur der deutschen), die sich Ende 2011 auf 25.000 Euro je Einwohner summierten.

 

Jeder Staatsbürger, sei er Konsument, Anleger oder Sparer, zahlt derzeit die Zeche für die immer noch ausufernde Staatsverschuldung. Diese Schulden müssen irgendwann bezahlt werden und Sie und ich sind gerade kräftig dabei.

 

In Deutschland, und nicht nur da, beobachten wir derzeit eine mögliche Form der Schuldentilgung, auch „finanzielle Repression“ genannt. Die Regierung versucht durch entsprechende Regulierung (z.B. Solvency II oder Basel III) Investitionsströme in Richtung Staatsanleihen zu lenken. Pensionsfonds, Lebensversicherer und Direktversicherer können ein Lied davon singen. Durch entsprechende Regulierungsvorschriften sind ihnen Investitionen in andere Anlageklassen inzwischen untersagt oder deutlich erschwert worden. Die Gelder der Branche, also Ihre Beiträge für Ihre Altersvorsorge, fließen deshalb verstärkt in Staatsanleihen. Durch die große Nachfrage sinken deren Renditen, die Verzinsung dieser Anleihen, bis hin zu negativen Zinsen. Das ist toll für die Regierung, aber schlecht für Sie. Denn dadurch verringern sich die Auszahlungen Ihrer privaten Vorsorge. Unterstützt wird diese Taktik von der Niedrigzinspolitik. Die führt u.a. dazu, dass auch Tages- und Festgeldanlagen im Vergleich zu Staatsanleihen immer uninteressanter werden. Ihr Vermögen wird auf Vater Staat umverteilt.

 

Kommt dann noch Inflation dazu (bei uns derzeit ca. 2 %), wird der Schuldenberg praktisch „weginflationiert“. Die „Inflationstilgung“ bezahlen ebenfalls Sie, weil Ihre Einzahlungen in die private Altersvorsorge damit ebenfalls weniger wert werden. Das können Sie an folgendem einfachen Beispiel erkennen: Die derzeitige Grundsicherung in Höhe von 688 Euro hat im Jahr 2030, eine Inflationsrate von 2 % jährlich unterstellt, nur noch eine Kaufkraft in Höhe von 482 Euro. 688 Euro an Staatsschulden hätten 2030 ebenfalls nur einen realen Wert von 482 Euro. Die Differenz haben Sie getilgt.

 

Weniger gesteuert ist die Aktienanlage. Und wer eine rentable Anlageform, die für den unfreiwilligen Schuldendienst und die Altersvorsorge ausreicht, sucht, kommt an der langfristigen Aktien- oder Fondsanlage nicht vorbei. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der dadurch bedingten längeren Rentenphase gilt das auch für Anleger im Rentenalter. Wenn die Politik also ehrlich daran interessiert ist, dass die Bevölkerung für das Alter vorsorgt und dadurch die Staatskasse entlastet, dann müsste sie die Aktienanlage wieder attraktiv machen. Ein erster Schritt dahin wäre, die Spekulationsfrist wieder einzuführen. Denn Altersvorsorgesparer sind keine Spekulanten und die Erträge aus der Anlage sollten ihnen im Alter auch allein zustehen. Ihren Beitrag zur Staatsfinanzierung haben Sie bis dahin bereits ausreichend geleistet.

Harald Rotter, Verlagsleiter
Design Linkable