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Kommentar, 13. Februar 2013
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Schleichend schutzlos

In den zurückliegenden Wochen wurden zahlreiche Umfrageergebnisse zum Anlageverhalten deutscher Sparer und Anleger veröffentlicht. Unisono belegten diese, dass der deutsche Anleger offenbar sehr risikoscheu ist und sein Geld am liebsten auf dem Sparbuch oder Festgeldkonten parkt.

 

Ebenfalls sehr beliebt sind Immobilien und Gold. Etwa 5 % des weltweiten Goldbestandes (Wert ca. 400 Mrd. Euro) befinden sich laut einer Untersuchung der Steinbeis-Hochschule Berlin im Besitz deutscher Privathaushalte.

 

Die Aktienanlage spielt laut Umfrageergebnissen eher eine untergeordnete Rolle und es herrscht offenbar eine große Skepsis gegenüber der Anlageform Aktie. Und das nach einem Jahr, in dem der DAX um beinahe 30 % gestiegen ist, Gold dagegen nur um 4 %.

 

Die Frage ist, ob diese Skepsis berechtigt ist.

 

Und leider muss man sagen: ja, sie ist es in einem gewissen Maße. Ich spiele dabei auf die Tatsache an, dass Geldströme von staatlicher Seite aus gelenkt werden. Und zwar so gelenkt werden, dass dies nicht unbedingt zum Vorteil des Anlegers ist. Finanzielle Repression (siehe Seite 10) hat massive Auswirkungen. Was wäre, wenn der Regierung plötzlich einfällt, dass beispielsweise Versicherungen oder Pensionsfonds überhaupt nicht mehr in Aktien investieren dürfen? Das würde zu enormen Verwerfungen am Aktienmarkt führen. Sie meinen das sei, weit hergeholt? Ich meine nicht, mit Solvency II hat man eine erste Duftmarke gesetzt.

 

Viel schlimmer wiegt derzeit aber, dass der Gesetzgeber den Anlegerschutz immer weiter aushöhlt. Erfahrene Anlegeranwälte sprechen sogar davon, dass es einen Rechtsschutz für Aktienanleger praktisch nicht mehr gibt und z.B. die Einführung des Freigabeverfahrens durch das UMAG ein offener Aufruf zum Rechtsbruch ist. Schutz bietet nur die Sanktionsmöglichkeit des Marktes und dies auch nur dann, wenn die Unternehmen im Licht der Öffentlichkeit agieren, was leider für eine Vielzahl der Nebenwerte nicht uneingeschränkt gilt und im Fall von „Squeeze-out-Unternehmen“ schon gar nicht.

 

Kein Staatsanwalt (leider bis auf uns auch andere Medien nicht) kümmert sich beispielsweise darum, dass im Rahmen abgeschlossener Spruchverfahren mit einer gerichtlich festgelegten Nachbesserungsverpflichtung neuerdings Aktionäre durch die Nichtbeachtung einer gesetzlich vorgeschriebenen Veröffentlichungspflicht in der Summe vermutlich um Millionenbeträge gebracht werden, die sich der Hauptaktionär unter den Nagel reißt, einige Beispiele finden Sie auf Seite 47 der aktuellen Ausgabe AnlegerPlus 1/2013. Und weil es überhaupt unpraktisch ist, wenn Aktionäre sich auf dem Gerichtsweg gegen Übervorteilungen wehren, versucht man nun ganz aktuell durch die Hintertür nach der Quasi-Abschaffung der Anfechtungsklage auch noch das Spruchverfahren auszuhebeln, indem man es auf nur noch eine Instanz reduziert (siehe hierzu Seite 50 o.g. Ausgabe).

 

Das alles sind Tendenzen, die einen hinsichtlich einer Aktienanlage durchaus skeptisch stimmen und das Anlageuniversum stark eingrenzen. Die Regierung täte gut daran, weniger Zeit in realitätsfremde Konzepte der Lebensleistungsrente zu investieren und stattdessen mehr in die Förderung der Anlageform Aktie. Damit ließen sich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, die ausufernde Altersarmut wäre eine davon. Außerdem müsste man dann künftige Armutsberichte nicht mehr fälschen und hätte ein Glaubwürdigkeitsproblem weniger.

Harald Rotter, Chefredakteur AnlegerPlus
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