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AnlegerPlus Online, 14. November 2013
Mit dem Schwarm ins Risiko

Mit dem Schwarm ins Risiko

Um Kapital einzusammeln, gehen vor allem junge Unternehmen neue Wege. Anstatt eines Börsengangs oder einer klassischen Anleihe setzen sie auf Crowdinvesting. Eine spannende Entwicklung, bei der Investoren die Risiken nicht außer Acht lassen dürfen.

Um an Geld zu kommen, gehen Unternehmen, vor allem junge Start-Ups, immer seltener den Weg über den regulierten Kapitalmarkt. Denn mit der Web-2.0-Grundidee, der totalen Vernetzung und der „Intelligenz des Schwarms“, haben sich ganz neue Möglichkeiten aufgetan, Kapital zu mobilisieren. Der Trend geht zum Mikroinvestment, d. h. es gibt nicht mehr nur einen großen Investor, sondern die Masse macht’s. So können große Summen mit der Hilfe von vielen kleinen Beträgen zusammenkommen.

Vom Crowdfunding zum Crowdinvesting

Als Vorreiter für die Schwarmfinanzierung gilt das sogenannte Crowdfunding, das seit einigen Jahren vor allem in den USA überaus populär ist. Dabei werden Gelder – meist sehr kleine Beträge von sehr vielen Personen – gleichsam als Spenden für Projekte eingeworben. Eine Rendite für die Geldgeber ist nicht vorgesehen, ebenso wenig wie Beteiligung oder Mitsprache am Projekt. Vielmehr ist der Dank für die Zuwendung immaterieller Natur oder wird über Sachleistungen ausgedrückt. Vor allem in der Kreativbranche ist Crowdfunding bereits etabliert, um beispielsweise Filme, Computerspiele oder technische Spielereien zu realisieren. Als Dankeschön werden dann Premierenkarten, T-Shirts oder Ähnliches ausgegeben.

Insbesondere Start-Ups und kleine Unternehmen haben überdies seit kurzem den Schwarm für sich entdeckt, um ihre Geschäftsideen zu finanzieren. Allerdings basiert Crowdinvesting nicht auf Spendern, sondern auf Kleinanlegern, die sich Rendite aus ihrem Kapitaleinsatz erhoffen. Auf unterschiedlichen Plattformen wie Seedmatch, Innovestment oder MashUp Finance aus München können Unternehmen sich und ihr Geschäftsmodell vorstellen, um Investoren zu finden. Diese erwerben mit der Investition meist Genussrechte, manchmal auch stille Beteiligungen oder partiarische Darlehen. Die Mindestinvestitionssumme ist vorwiegend sehr niedrig, auf vielen Portalen können Anleger bereits mit Kleinstbeträgen Anteile erwerben. Rendite entsteht dann vor allem über Gewinnbeteiligungen oder über einen lukrativen Exit beim Verkauf des Start-Ups.

Rasantes Wachstum
Vorbild für alle Kleinanleger, die in Start-Ups investieren, ist Peter Thiel, Facebook-Investor der ersten Stunde, der dem sozialen Netzwerk im Jahr 2004 500.000 US-Dollar Starthilfe gab, die heute 7 Mrd. US-Dollar wert sind. Anleger sind somit immer auf der Suche nach einem neuen Facebook, und der Markt für Crowdinvesting wächst nun auch in Deutschland rasant. Immer mehr Crowdinvesting-Plattformen öffnen ihre Pforten, manche schließen sie aber auch bald wieder wegen mangelnder Profitabilität. Im Jahr 2011 wurden noch 0,4 Mio. Euro Investorengelder durch Crowdinvesting eingeworben, allein in der ersten Hälfte des Jahres 2013 waren es bereits 5,2 Mio. Euro, bis Ende des Jahres gehen Schätzungen sogar von bis zu 20 Mio. Euro aus, denn die Emissionen werden immer größer und zahlreicher. Die Zahl der klassischen Initial Public Offerings (IPOs) ist dagegen eher rückläufig.

Erstmals konnte in diesem Jahr im Juni die Einzelsumme von 1 Mio. Euro durch Crowdinvesting geknackt werden. Eingesammelt hat diese Summe das Dresdener Start-Up Aoterra mit einem innovativen Geschäftsmodell. Seit letzter Woche  sind außerdem die Aktien des Wohntextilien-Onlinehändlers Urbanara gelistet, der seine Aktien crowdbasiert emittierte und damit sogar 3 Mio. Euro erlöste. Die Aktien können allerdings nur über die elektronische Handelsplattform Bergfürst gehandelt werden.

Transparenz ist Glückssache
Problematisch bei der Unternehmensfinanzierung über Crowdinvesting sind für den Anleger vor allem die fehlende Transparenz und die nicht vorhandene Regulierung. Nur der bereits erwähnte Anbieter Bergfürst hat eine Zulassung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und konnte daher eine Aktienemission durchführen. Alle anderen Plattformen sind nur Vermittler zwischen Investoren und Unternehmen. Crowdfundings bis 100.000 Euro Volumen unterliegen darüber hinaus keiner Regulierung, erst bei größeren Summen wird ein Verkaufsprospekt verpflichtend, der über Chancen sowie Risiken aufklärt und von der BaFin genehmigt werden muss.

Während börsennotierte Unternehmen an den Börsenplätzen und auch den meisten Anleihemärkten an Transparenz- und Informationsregeln gebunden sind, gilt dies für Unternehmen, die sich via Crowdinvesting finanzieren, nicht. Zwar können sich die Unternehmen auf den jeweiligen Investment-Plattformen vorstellen und auch ihre Geschäftszahlen und ihren Businessplan erläutern, aber gerade bei Start-Ups ist die wirtschaftliche wie personelle Lage oft unübersichtlich. Geprüfte Geschäftsberichte wie bei etablierten und börsennotierten Unternehmen sind eine Seltenheit. Ob die gemachten Angaben richtig sind, ist meist nur unzureichend nachzuprüfen und somit Vertrauenssache. Auch das Mitspracherecht, das Anleger beispielsweise bei börsennotierten Unternehmen auf der Hauptversammlung ausüben können, ist bei stillen Beteiligungen oder Darlehen nicht gegeben.

Anleger sollten kritisch sein

Wenn das Geschäftsmodell, in das man über Crowdinvesting Geld gesteckt hat, floppt, die Gelder aufgebraucht sind und das Unternehmen pleite ist, werden die Investoren von ihrem Investment nicht mehr viel sehen. Mit nachrangigen Darlehen ist die Chance, noch etwas aus der Konkursmasse zurückzubekommen, verschwindend gering. Wenn diese bei Start-Ups überhaupt gegeben ist. Und ein Scheitern des Geschäftsmodells ist bei Start-Ups eher die Regel als die Ausnahme. Nur die wenigsten Geschäftsideen erweisen sich auf lange Sicht als gewinnbringend.

Außerdem hat es meistens einen Grund, dass die Unternehmen nicht versuchen, sich auf dem „üblichen“ Wege Kapital zu beschaffen. Entweder, das Unternehmen ist zu klein für einen klassischen Börsengang, ist abgeschreckt von den strengen Transparenzkriterien am Anleihemarkt oder aber das Geschäftsmodell konnte die Bank nicht überzeugen, einen Kredit lockerzumachen. Letzteres ist im Moment aber auch nicht gerade einfach. Da kommen die eifrigen Kleinanleger gerade recht, die auf der Flucht vor niedrigen Zinsen zu neuen Anlagemöglichkeiten streben.

Totalverlust einplanen

Vor einer Investition gilt also: Genau hinsehen, nachfragen und informieren. Das Geld, das im Rahmen von Crowdinvesting investiert wird, muss als Risikokapital angesehen werden, denn ein Totalverlust ist immer möglich und nicht unwahrscheinlich – egal, wie sympathisch sich die Unternehmen auf den Plattformen präsentieren. Wenn eine Geschäftsidee spannend und unterstützungswürdig erscheint, dann sollten dennoch in jedem Fall nur Beträge investiert werden, die beim möglichen Totalverlust nicht zu sehr schmerzen.

Carolyn Friesl, Redaktion AnlegerPlus
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