Aus dem Verlag.

AnlegerPlus Online, 30. September 2013
Land-ohne-Aktionre.jpg

Land ohne Aktionäre

Eine Studie zeigt: Trotz DAX-Höchstständen und Niedrigzinsumfeld wagen sich deutsche Privatanleger nicht an Aktien heran.

Der DAX jagt von Höchststand zu Höchststand. Und wer profitiert davon mal wieder kaum? Die deutschen Privatanleger. Denn die legen ihr Geld weiterhin lieber aufs Sparkonto oder investieren in Anleihen. Dabei sind die Ersparnisse gerade bei diesen Anlageformen gefährdet. Denn egal ob Sparpläne, Festgeld, Tagesgeldkonten oder einer Investition in Staatsanleihen, die Inflation frisst das Vermögen aufgrund der niedrigen Verzinsung dieser Anlageformen auf. Und die Mittelstandsanleihen, offenbar derzeit des Deutschen liebstes Kind, beinhalten immer ein großes Insolvenzrisiko, auch wenn die Renditeversprechen noch so attraktiv erscheinen. Doch der Markt für Mittelstandsanleihen boomt, während es gleichzeitig kaum klassische Börsengänge von Aktiengesellschaften gibt. Eine ausführliche Analyse der bisher begebenen Mittelstandsanleihen finden Sie in unserer aktuellen Printausgabe AnlegerPlus 9/2013.

Zahl der Aktionäre gesunken
Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) sank die Zahl der Aktionäre, die direkt oder indirekt über Fonds in Aktien investiert waren, im 1. Halbjahr 2013 im Vergleich zu 2012 um 100.000 auf 9,4 Mio. Anleger. Immerhin stieg die Anzahl der Aktionäre, die direkt in Aktien investierten, um 7,1 % auf 4,9 Mio., den höchsten Stand seit 2003, allerdings sank dafür die Zahl der Investoren, die über Fondsanteile in Aktien investierten.

Das DAI interpretierte den Zuwachs an Direktaktionären als Stabilisation der Akzeptanz der Aktie. Eine erneute Verunsicherung der Aktionäre sei jedoch durch Rückschläge immer möglich. Die komplette Studie finden Sie hier.

Gute Gründe für Aktieninvestment
Dabei sind Aktien im Moment den meisten anderen Anlageformen in vielerlei Hinsicht überlegen. Allein die Dividendenrendite des deutschen Leitindex DAX liegt laut DAI bei mehr als 4 % pro Jahr. So viele Zinsen bietet derzeit keine Bank für ein Tagesgeld- oder Festgeldkonto, dort gibt es im Glücksfall 1,5 % p. a.. Und dann ist da ja auch immer noch die Euro- und Bankenkrise. Wer hier auf ein Untergangsszenario setzt und den Bail-in vermeiden oder sich vor einer ausufernden Inflation schützen will, für den sind Aktien beinahe alternativlos. Denn über Aktien beteiligt man sich an einem Sachwert und wer dabei auf Substanz setzt, der ist optimal geschützt vor dem Zusammenbruch von Banken, Ländern oder Währungen. Das bewahrt den Aktienanleger im Fall des Falles zwar nicht vor Verlusten, doch diese werden, und das zeigte schon die Geschichte, geringer ausfallen als die von Anleihebesitzern oder Sparern. Im Gegensatz zu einer Immobilienanlage sind Aktien außerdem sehr liquide, d.h. jederzeit veräußerbar.

Ohne Risiken sind Aktien selbstverständlich nicht. Aktienkurse schwanken und gerade in Krisenzeiten ist die Schwankungsbreite enorm hoch. Dazu kommt, dass bei Einzelinvestments das Insolvenzrisiko mitschwingt. Da man als Aktionär Miteigentümer einer Gesellschaft ist, trägt man auch das volle Insolvenzrisiko bis hin zum Totalverlust des Investments. Daher ist die Titelauswahl von ganz besonderer Bedeutung und sollte sehr sorgfältig erfolgen. Zudem sollten Aktien immer als Langfristinvestment gesehen werden. Und auf lange Sicht überzeugt der deutsche Aktienmarkt. Seit dem Tiefpunkt 2009 nach der Lehman-Pleite konnte der DAX bereits um knapp 80 % zulegen, innerhalb der letzten 12 Monate ging der Performanceindex um ca. 18 % nach oben.

Mangelndes Wissen
Dass sich so wenige Privatanleger an Aktien heranwagen, hat vielfältige Ursachen. Häufig fehlt den potenziellen Anlegern einfach das nötige Wissen für die Anlage in Aktien. Aktien gelten landläufig als Anlage für Zocker und Spezialisten. Bankberater, die provisionsgetrieben unpassende Kapitalanlagen an ihre Kunden verkauften, sorgten in der Vergangenheit für Misserfolge und schürten damit Argwohn beim Anleger. Um den Wissensdefiziten entgegen zu wirken und Anleger entsprechend für die Anlageform Aktie zu qualifizieren, wäre es wichtig, die ökonomische Bildung zu verbessern. Dies muss in der Schule geschehen und die Länder sind aufgerufen, hier entsprechende qualifizierte Lehrinhalte einzurichten.

Wenig Schutz für Anleger
Zur Verunsicherung in der Bevölkerung mit Blick auf die Aktienanlage hat sicher auch beigetragen, dass der Kapitalmarkt von der Politik im Zuge der Staatsschuldenkrise zur Ablenkung vor eigenem Versagen als „Feindbild“ hochstilisiert wurde. In der Folge hat, bis heute andauernd, eine wahre Regulierungswut eingesetzt. Leider nur selten zum Vorteil der Aktienanleger. Deutlich wird dies vor allem am Aktiengesetz, dort werden Gesetzesentwürfe inzwischen von Großkanzleien verfasst, die die Interessen ausschließlich der Unternehmensseite oder der Großaktionäre vertreten. Der Schutz der Privatanleger, die selbst über keine Lobby beim Gesetzgeber verfügen, bleibt da natürlich auf der Strecke. Und wo Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Rechtsposition und der Eigentumsrechte besteht, wird selbstverständlich nicht investiert.

Fehlende Alternativen
Dabei wäre es angesichts der in Deutschland immer weiter voranschreitenden Altersarmut, der klaffenden Rentenlücke und dem Realwertverlust von in Sparguthaben oder Staatsanleihen angelegter Gelder wichtiger denn je, die Bevölkerung von der Aktienanlage und damit der Beteiligung am Produktivvermögen der Volkswirtschaft zu überzeugen.

Im aktuellen Niedrigzinsumfeld gibt es zur Aktienanlage dazu kaum Alternativen. Doch das soll nicht bedeuten, dass sich Anleger blind auf diese Anlageform stürzen sollten. Es gilt die alte Weisheit: Kaufe kein Finanzprodukt, das Du nicht verstehst oder von dem Du zu wenig weißt! Und so steht auch zu Beginn eines Aktieninvestments eine ausführliche Informationsbeschaffung. Ohne Fleiß kein Preis.

Carolyn Friesl, Redaktion AnlegerPlus
Design Linkable

Diese Website verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung dieser Website, akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung und die Verwendung von Cookies und um Ihnen spezielle Services und personalisierte Inhalte bereitzustellen. Weiteres erfahren Sie unter der Rubrik Datenschutz.

X schließen