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Kapital Medien, 6. Mai 2015
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Investieren nach Aktienfaktoren

Seit 15 Jahren gibt es nun ETFs schon auf dem europäischen Markt. Die Entwicklung neuer ETF-Strategien geht aber immer noch weiter. Der neueste Trend sind Faktor-ETFs, doch so neu ist die Idee dahinter gar nicht.

 

Über ETFs – passiv verwaltete Indexfonds – lassen sich breit diversifizierte Aktienportfolios kostengünstig aufbauen. Da ETFs einfach „nur“ einen Index abbilden, ist ihre Wertentwicklung abhängig von dem zugrunde liegenden Index. Dessen Performance wiederum ist abhängig von der Kursentwicklung der im Index enthaltenen Aktienwerte. Und diese Aktienwerte sind im Index nicht zwingend alle gleichgewichtet, sondern ihre Gewichtung ist z. B. abhängig von der Streubesitzmarktkapitalisierung (die Marktkapitalisierung wird berechnet, indem der aktuelle Aktienkurs mit der entsprechenden Anzahl an Aktien multipliziert wird). Je höher die Gewichtung eines Wertes ist, umso stärker beeinflusst sein Kursverlauf die Performance des Index. Folglich kann man über Änderungen der Gewichtungen auch eine Änderung der Indexentwicklung erreichen.

Aktienfaktoren sollen Rendite bringen
Und genau dies machen sich Faktor-ETFs zu eigen. Diese Produktkategorie verlässt allerdings die rein passive Investmentidee. Denn bei Faktor-ETFs wird gezielt nach Faktoren Ausschau gehalten, die empirisch nachgewiesen einen positiven Einfluss auf das Rendite-Risiko-Profil von Wertpapieren haben. Sind diese identifiziert, wird die Gewichtung im Index zugunsten der „positiven Faktorwerte“ angepasst. Die grundsätzliche Zusammensetzung des neu gewichteten Index mit Blick auf den Ausgangsindex ändert sich allerdings nicht. Durch diese Strategie versuchen die Emittenten den Benchmark-Index auf lange Sicht zu schlagen und für den Anleger stabilere Erträge und geringere Verluste – auch in schwierigen Marktphasen – zu erzielen.  

Ein Beispiel aus der Praxis
Wie eine solche Faktorstrategie in der Praxis angewendet werden kann, soll exemplarisch am Beispiel der Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM) gezeigt werden. Die Fondsgesellschaft hat vier Aktienfaktoren als Bausteine für eine effektive Diversifikation ausgemacht, die die Rendite für Anleger optimieren sollen:

-    Mit dem Aktienfaktor „Value“  sollen Aktien identifiziert werden, die unterbewertet sind. Der Gedanke dahinter ist, dass sich „günstige Aktien“ auf lange Sicht besser entwickeln als „teure Aktien“.
-    Der Aktienfaktor „Quality“  berücksichtigt nicht nur die Ertragshöhe eines Unternehmens, sondern vielmehr die Qualität der Erträge, beispielsweise ausgehend von einer hohen Eigenkapitalrendite.
-    Mit dem Aktienfaktor „Momentum“  werden historische Kursmuster einer Aktie herangezogen, um mögliche Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu ziehen.
-    Der Aktienfaktor „Low Beta“  zielt auf die Volatilität, also die Schwankungsbreite, des Aktienkurses. Langzeitstudien zeigen, dass Portfolios mit geringer Volatilität eine Kombination aus hoher durchschnittlicher Rendite und geringem maximalen Verlust bieten.

Diese Faktorstrategien legt die DeAWM dann auf den MSCI World Index um, der 1.600 Aktienwerte aus 23 Industrieländern umfasst, die ca. 85 % der Streubesitz-Marktkapitalisierung dieser Länder repräsentieren: In einem ersten Schritt werden die Unternehmen nach den jeweiligen Faktoren bewertet und sortiert. Im zweiten Schritt  werden die oberen 20 % übergewichtet und die untern 20 % untergewichtet. 60 % bleiben so gewichtet wie im MSCI World Index. Das so angepasste Portfolio wird dann noch bereinigt: Die Aktien mit dem niedrigsten täglichen 3-Monats-Handelsvolumen (20 % der Aktien) werden aus dem Portfolio entfernt und die Gewichtungen der übrigen Titel angepasst, so dass sie in der Summe wieder 100 % ergeben. Fertig ist der faktorangepasste Index.

Kein neues Konzept
Der Einsatz von Aktienfaktoren bei der Investmententscheidung ist grundsätzlich nicht neu. Viele Privatanleger nutzen die Faktorauswahl beispielsweise, wenn sie ihre Anlagestrategie auf Dividenden- und/oder Value-Titel ausrichten. Ob die Faktorkonstruktion automatisch zu einer Verbesserung des Rendite-Risiko-Profils beiträgt, darf aber bezweifelt werden. Auch hier müssen Diversifikationseffekte und die gezielte Kombination verschiedener Faktoren beachtet werden, um einen Mehrwert gegenüber der Benchmark zu erzielen. Für Privatanleger ist es daher möglicherweise am sinnvollsten, ausgehend von einem Kernportfolio den ein oder anderen Faktor-ETF hinzufügen, ganz nach der verfolgten individuellen Anlagestrategie.

Redaktion AnlegerPlus
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