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Kommentar, 21. August 2014
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Für dumm verkauft

Mit Beschluss vom 8.10.2013 (II ZB 26/12) hat der Bundesgerichtshof (BGH) seine bis dahin gültige „Macrotron-Rechtsprechung“ (II ZR 133/01) aufgehoben. In Letzterer vertrat der BGH noch die Ansicht, dass bei einem regulären Delisting u. a. auch ein Abfindungsangebot an die Streubesitzaktionäre zwingend ist, um deren Vermögensrechte zu schützen.

Nun hat der BGH jedoch eine Delisting-Welle losgetreten, die erst am Anfang steht und trotzdem schon jetzt viele Minderheitsaktionäre geschädigt hat. Dabei hatte der BGH in seinem Beschluss vom Oktober letzten Jahres ausdrücklich festgelegt, dass das Delisting gerade nicht dem Schutz der Anleger widersprechen darf. Dies sah er gewährleistet, wenn nach der Bekanntgabe der Widerrufsentscheidung den Anlegern ausreichend Zeit zur Veräußerung der Aktien verbleibt. Bei einem Verkauf, so der BGH, würde dann kein Vermögensnachteil entstehen, da sich nicht feststellen lasse, dass die Ankündigung des Börsenrückzugs regelmäßig zu einem Kursverlust führe.

Wie realitätsfern diese Einschätzung ist, zeigt eine amerikanische Studie, die nach einem Delisting Kursverluste von bis zu 40 % von danach im Freiverkehr gehandelten Werten belegt. Dass eine ähnliche Tendenz bis Oktober 2013 an den deutschen Börsen nicht zu beobachten war, lag allein daran, dass im Falle des Delistings den Streubesitzaktionären aufgrund der bis dahin gültigen Macrotron-Rechtsprechung ein im Spruchverfahren überprüfbares Abfindungsangebot unterbreitet werden musste. Und genau dies hat den Kursverlust und damit mögliche Vermögensnachteile der Aktionäre gerade verhindert.

Seit der neuen BGH-Rechtsprechung lässt sich ein negativer Kurstrend nun aber auch in Deutschland nachweisen: Der Aktienkurs der deutschen STRABAG verlor in den Tagen nach Ankündigung des vollständigen Delistings knapp 10 % an Wert, der der Schuler AG 17 % und die Aktionäre der MAGIX AG verbuchten innerhalb von zwei Tagen nach der Delisting-Ankündigung satte 29 % Kursverlust. Getoppt wird das von der Marseille-Kliniken AG. Hier betrug der Kursverlust (auf XETRA) zwar „nur“ 28 %, doch dieser Kursverlust ereignete sich ohne Unternehmensmeldung unter vergleichsweise hohen Börsenumsätzen einen Tag vor der offiziellen Delisting-Ankündigung der Gesellschaft.

Als betroffener Aktionär kommt man sich vom BGH da reichlich dumm verkauft vor und man kann nur hoffen, dass die Delisting-Realitäten dazu führen, dass

A) die BaFin sich den Vorgang Marseille-Kliniken näher anschaut,

B) alle deutschen Börsenplätze dem Beispiel der Börse Düsseldorf folgen und ein komplettes Delisting von der Abgabe eines Abfindungsangebotes abhängig machen und

C) der Gesetzgeber endlich zum Schutz der Privatanleger und im Sinne des Kapitalmarktes das Heft des Handelns in die Hand nimmt und gesetzliche Regelungen für das Delisting auf Basis der früheren Macrotron-Rechtsprechung erlässt.

Harald Rotter, Chefredakteur AnlegerPlus
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