Aus dem Verlag.

AnlegerPlus, 6. November 2012
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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

 

zahlreiche politische Vertreter im Ausland, und damit meine ich nicht nur Politiker der Krisenländer im Süden Europas, fordern immer häufiger, dass es die Aufgabe Deutschlands sei, den Krisenländern in der Staatsschuldenkrise dabei zu helfen, aus dem Teufelskreis von zu hoher Verschuldung und wirtschaftlicher Talfahrt herauszukommen. Kritisiert wird dabei vor allem das deutsche Spardiktat und dass sich Deutschland nicht willenlos der Staatsfinanzierung durch die EZB beugen will. Deutschland müsse sich in dieser Krise solidarisch zeigen, so der Tenor der internationalen Besserwisser.

 

Besitz schafft Begehrlichkeiten und offenbar ist man der Meinung, Deutschland könne ob seiner wirtschaftlichen Stärke die Schulden Not leidender Euroländer mitschultern. Doch wir leisten unseren Solidaritätsbeitrag bereits. Ohne unsere wirtschaftliche Stärke und unsere Zahlungsgarantien würde der Markt den Eurorettungsmaßnahmen wenig Vertrauen schenken. Der EFSF könnte beispielsweise nicht zu negativen Zinsen Geld am Kapitalmarkt aufnehmen. Und die klammen Eurostaaten könnten sich nicht vergleichsweise günstig weiterhin durch die Ausgabe von Schuldtiteln refinanzieren.

 

Ganz konkret wird der deutsche Solidaritätsbeitrag von den deutschen Arbeitnehmern geleistet, die jahrelang auf größere Lohnzuwächse verzichtet, ja sogar Reallohnverluste hingenommen haben. Dadurch hat die deutsche Wirtschaft erst wieder an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Und auch deutsche Rentner leisten ihren Beitrag. Denn die Rentenentwicklung ist gekoppelt an die Lohnentwicklung und somit gibt es schon lange keine üppigen Rentenerhöhungen mehr, Altersarmut macht sich immer mehr breit in Deutschland.

 

Dazu kommt: Deutschland ist selbst hoch verschuldet. Ende des ersten Halbjahres 2012 erreichte die deutsche Staatsschuld den Rekordstand von 2,082 Billionen Euro!! Trotz guter Konjunktur und sprudelnder Steuereinnahmen haben die Schulden gegenüber dem ersten Halbjahr 2011 um 3 % oder 61,3 Mrd. Euro zugenommen. Unsere Schultern sind also bereits kräftig unter Druck.

 

Von Spardiktat kann eh keine Rede sein. Sonst müsste ein Aufschrei aus den Rängen des deutschen Bundestags zu hören sein, wenn der EU-Ratschef – mit Unterstützung von Frau Merkel – der Eurozone nun plötzlich auch noch einen eigenen Haushalt verschaffen will. Ziel dieses Haushaltes soll u.a. sein, Gelder an Krisenstaaten weiterzureichen! Noch ein Krisenrettungstopf. Dabei ist doch völlig klar, eine Kasse will gefüllt werden und kein Haushalt ohne Loch. Der Verschuldungswahnsinn geht also weiter und ihm sind offenbar keine Grenzen mehr gesetzt.

 

Ich meine also, die Kritik am mangelnden deutschen Verantwortungs- und Solidaritätsbewusstsein ist unangebracht. Und all denjenigen, die daran zweifeln, möchte ich zum Abschluss einen kurzen Ausschnitt eines Schreibens von einem unserer Leser mit auf den Weg geben. Dieser Leser ist mit seinem Solidaritätsbeitrag in Form des griechischen Schuldenschnitts an seine Grenzen gekommen. Und er ist sicher kein Einzelfall.

 

„Dafür [gemeint ist der kümmerliche Rest seines Griechenlandengagements, Anm. d. Red.] habe ich als kleiner Mann, bin 72 Jahre alt, mein ganzes Leben lang gearbeitet. Es ist eine Hinrichtung, bin mit den Nerven am Ende, keiner kann helfen.“

Harald Rotter, Verlagsleiter
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