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AnlegerPlus Online, 19. März 2012
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Die Lösung des Problems?

Die Diskussion um die Target-Salden in der Bilanz der Bundesbank und ihren möglichen Folgen ist erneut aufgebrandet: Als ein Brief von Bundesbankpräsident Jens Weidmann an EZB-Präsident Mario Draghi öffentlich wurde, in dem er fordert, die Anforderungen der EZB an Sicherheiten wieder zu erhöhen.

 

In unserem Artikel vom 16.3. haben wir bereits grundsätzlich erklärt, was unter dem System Target2 und den daraus resultierenden Forderungen, den sogenannten Target-Salden, zu verstehen ist. Nun hat sich auch der deutsche Notenbankchef Jens Weidmann in einem Brief an EZB-Präsident Mario Draghi besorgt über die bei der Bundesbank uferlos anwachsenden Forderungen gegenüber dem Eurosystem geäußert. Draghi möge doch die Anforderungen, die die EZB an die Sicherheiten stellt, die sie von Geschäftsbanken fordert, wieder erhöhen, wird Weidmann in den Medien zitiert. Problematisch sehe er vor allem, dass die Anforderungen an die Sicherheiten, die für Refinanzierungen mit EZB-Geld hinterlegt werden müssen, im Zuge der Finanzschuldenkrise deutlich gesenkt wurden.

Basierend auf der erneut entfachten Debatte hat sich auch ifo-Vorstand Hans-Werner Sinn wieder zu Wort gemeldet. Er hatte vor gut einem Jahr als Erster öffentlich auf die Target-Salden und ihre Risiken hingewiesen – und wurde anfangs nicht ernst genommen.

Das grundlegende Problem
Vor der Finanzkrise waren die Forderungen über Target2 noch kein Problem. Denn damals wurden internationale Transaktionen vor allem über das internationale Interbankensystem abgewickelt: Die Geschäftsbanken haben sich untereinander noch direkt Geld zur Verfügung gestellt und die Posten dann gegeneinander verrechnet. Ohne den Umweg über die Notenbanken und die EZB. Doch durch die sich immer gravierender entwickelnde Finanz- und Schuldenkrise kam die Angst vor Ausfallrisiken der einzelnen Banken auf, nicht zuletzt ausgelöst durch die Lehman-Pleite. Aus diesem Grund griffen die Banken vermehrt auf Target2 zurück und wickelten ihre Transaktionen über die Notenbanken und die EZB ab.

 

Der vermeintliche Vorteil: Die EZB tritt als Bürge auf und garantiert, mit den von den Schuldnerstaaten eingeforderten Sicherheiten, dass die Gläubigerbanken ihr bereitgestelltes Geld zurückerhalten. Außerdem ist die Verzinsung bei dieser Art der Kreditvergabe äußerst gering, das „frische“ Geld also billiger als auf dem herkömmlichen Weg über das Interbankensystem. Der offensichtlich gewordene Nachteil: Aufgrund der Schuldenkrise hat die EZB immer weniger Anforderungen an die zu hinterlegenden Sicherheiten gestellt. Zum Beispiel konnten Banken aus Krisenstaaten, um sich über Target2 zu finanzieren, Staatsanleihen ihres eigenen Landes als Sicherheiten einreichen. Bei einer Insolvenz würden diese allerdings wertlos.

Hans-Werner Sinn drückt die Zusammenhänge im ifo Standpunkt Nr. 132 so aus: „Die Bundesbank wie auch die Niederländische Zentralbank wurden dadurch zu Nettoschuldnern gegenüber ihren eigenen nationalen Geschäftsbanken, und die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse, ausgedrückt in marktfähigen Wertpapieren, wurden durch Target-Forderungen gegenüber dem EZB-System ersetzt, die niemals fällig werden.“ In einem Debattenbeitrag für Spiegel Online verdeutlicht er nochmal, was genau das für den deutschen Bürger bedeutet: „Unsere Lebensversicherungspolicen und Sparbücher bestehen heute zu mehr als 13.000 Euro je Erwerbstätigen aus offenen Target-Forderungen gegen die anderen Zentralbanken der Eurozone, die wir nicht fällig stellen können, die eine Verzinsung unterhalb der Inflationsrate bringen und die sich ganz oder teilweise als wertlos erweisen werden, wenn der Euro zerbricht oder Euroländer pleitegehen.“

Ein Vorschlag zur Lösung
Sinn ist wie Weidmann der Meinung, dass die EZB zuallererst die Anforderungen an Sicherheiten für die Finanzierung mit EZB-Geld wieder anheben muss, idealerweise auf den Stand vor Ausbruch der Finanzkrise. Des Weiteren macht er einen Vorschlag, wie man die Target-Salden wieder abbauen könne und beruft sich dabei auf das System der US-amerikanischen Notenbank Fed.

Die Fed ist in zwölf Distrikte aufgeteilt, zwischen denen es Target-ähnliche Salden, die ISA-Salden, gibt. Sinn erklärt: „Diese Salden müssen jeden April getilgt werden, indem die „District-Fed“, die ihre Druckerpresse im Übermaß betätigte, für das netto abfließende Geld handelbare Wertpapiere […] bilateral an die jeweils anderen District-Feds überträgt.“ Die entsprechenden Wertpapiere darf die jeweilige District-Fed nicht selbst schaffen, es muss sich vielmehr um goldbesicherte Wertpapiere handeln. „Dazu werden Eigentumsanteile an einem Clearing-Portfolio der Fed, das bundesstaatliche Wertpapiere enthält, zwischen den District-Feds verschoben“, erläutert Sinn.


Wie die Grafik zeigt, haben sich aufgrund dieses Systems die Salden in den USA weitaus langsamer gesteigert als innerhalb der Eurozone. Das liegt laut Sinn zum einen daran, dass die Target-Kredite in Amerika unattraktiver sind: Die defizitären District-Feds versuchen eher, ihre Schulden aus eigener Kraft zu tilgen, bevor sie einen Target-Kredit in Anspruch nehmen und dafür dann im April Anteile am Clearing-Portfolio verlieren. Des Weiteren führt die jährliche erzwungene Tilgung dazu, dass sich die Salden generell nicht ohne Grenzen aufbauen.

Sinn plädiert deshalb dafür, die Vergabe der Target-Kredite zu erschweren. Möglich wäre das zum Beispiel mit progressiv steigenden Überziehungszinsen, was der frühere Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger vorgeschlagen hat. Oder man folgt dem Vorschlag von Weidmann und verstärkt die Anforderungen an die bereitgestellten Sicherheiten. Sinn selbst würde eine an das amerikanische System angelegte Vorgehen vorschlagen und die jahresdurchschnittlichen Salden zwischen den einzelnen Notenbanken der Eurozone jährlich mit gold- oder immobilienbesicherten, marktgängigen Wertpapieren tilgen.

 

In jedem Fall müsse den Target-Krediten der Reiz genommen werden, mahnt Sinn, damit die Banken sich ihre Kredite wieder über das Interbankensystem besorgen anstatt sich von den nationalen Notenbanken, und damit letztlich von der EZB, bedienen zu lassen.

Stephanie Wente, Redaktion AnlegerPlus
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