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Kommentar, 18. Juli 2014
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Der unsichtbare Griff in die Altersvorsorge

Sinkende Preise auf breiter Front, da hatten wir uns in München in diesem Jahr schon auf rückläufige Bierpreise auf dem Oktoberfest gefreut. Doch weit gefehlt, der Preis für die Maß Bier steigt auch 2014 wieder um satte 2,58 %. Aufgrund des Nachfrageverhaltens ist der Oktoberfestbierpreisindex möglicherweise nicht repräsentativ. Damit ist allerdings die Gemeinsamkeit mit dem Warenkorb hergestellt, über den das statistische Bundesamt die Inflation in Deutschland misst. Die tatsächliche Inflation in Deutschland liegt mit gefühlter Sicherheit über den für Juni 2014 gemeldeten 1,0 %.

Doch höhere Inflationsraten würden derzeit nicht ins Drehbuch der alternativlosen Niedrigzinspolitik passen. Öffentlich wird selten ein Wort darüber verloren, dass die niedrigen Inflationsraten in Europa durch ein sinkendes Preisniveau vor allem in EU-Krisenstaaten bedingt sind. Und dass diese deflatorische Entwicklung dort – mangels Abwertungsmöglichkeit wie in Vor-Euro-Zeiten – zu einem gesunden Anpassungsprozess führt, der die verlorene Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellt.

Mit der aktuellen Nullzinspolitik spielt die Europäische Zentralbank EZB in der gleichen Liga wie praktisch alle wichtigen Zentralbanken weltweit. Letztlich wird durch die Zentralbankpolitik jedoch eine Fehlallokation von Anlegergeldern auf den Kapitalmärkten verursacht. Die EZB ist quasi der Drogenproduzent und zugleich Drogendealer der Kapitalmärkte. Und nun warnt gerade die EZB die Anleger vor einem möglichen jähen Ende der Renditejagd! Das ist beinahe großes Kino, wenn der Drogendealer den Drogenabhängigen vor der Drogensucht warnt.

Die Altersvorsorge steht dagegen seit dem Ausbruch der Finanz- und Staatsschuldenkrise nicht mehr im Mittelpunkt der Politik. Ganz im Gegenteil, die Nullzinspolitik hilft Staaten, sich auf Kosten der Sparer zu entschulden. Und angesichts der angeschlagenen Staatsfinanzen, Banken sowie anscheinend Versicherern ist das Geld deutscher Sparer zur Risikofinanzierung gefragter denn je. So dachte unser Finanzminister Wolfgang Schäuble allen Regulierungsmaßnahmen zum Schutz der Anleger widersprechend im April 2013 offenbar allen Ernstes über eine Finanzierung spanischer Mittelständler durch deutsche Anleger nach. Und darum, und nicht um die Vermögensbildung der Sparer, geht es auch bei den Überlegungen zu einem steuerlich begünstigten, mit staatlich garantierten Renditen versehenen EU-Sparkonto. Die dort angelegten Spargelder sollen nämlich in Form von Krediten an Mittelständler in den angeschlagenen EU-Krisenländern weitergereicht werden.

Steuerlich begünstigt und staatlich garantiert … das klingt für den Sparer und Steuerzahler stark nach linker Tasche, rechte Tasche. Und auf eine risikoadäquate Verzinsung sollte man auch nicht hoffen. Da ist ein Aktienengagement allemal vorzuziehen, auch wenn günstig bewertete Unternehmen mit erfolgreichem Geschäftsmodell im Moment kaum zu finden sind. Doch angesichts der „Niedrigst“-Zinsen müssen auch die Unternehmensbewertungen angepasst werden, denn die heutigen Ertragswerte künftiger Gewinne steigen mit niedrigeren Zinsen. Möglicherweise sind die Bewertungen daher derzeit doch nicht überzogen, wenn man von einem langfristig niedrigen Zinsniveau ausgeht. Und daran zweifelt im Moment kaum jemand.

Harald Rotter, Chefredakteur AnlegerPlus
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