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Kommentar, 11. März 2013
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Brot und Spiele

Was für eine Aufregung war das doch um den Herrenwitz des FDP-Fraktionschefs Rainer Brüderle. Seine Machtposition soll er missbraucht haben.

 

Angesichts der eher naiven und sicherlich ungalanten Bemerkung ist der Herrenwitz eher Ausdruck Brüderles Harmlosigkeit gewesen. Nicht auszudenken, welche Kalauer wirklich machtbesessene Politiker vom Stapel gelassen hätten.

 

Dabei gab der Brüderle doch nur den Bohlen für Arme. Letzterer unterhält das deutsche Fernsehpublikum in größerer medialer Verbreitung seit Jahren mit Herrenwitzen und kein Medienhahn kräht danach. Aber das ist ja auch kein Wunder in Zeiten, in denen nur noch Krimis und Trash-Fernsehen die Medien bestimmen und mangels qualifizierter Bewerber das Dschungelcamp zum Grimme-Preisträger avanciert.

 

Aber soweit ist es mit unserer Gesellschaft inzwischen gekommen, sie lässt sich von sensationslüsternen Formaten und menschlichen Abgründen anziehen. Die politische Klasse ist damit am Ziel ihrer Träume. Man beschreibt diesen Zustand am besten mit „Brot und Spiele“. Die Gesellschaft befasst sich nicht mehr mit wirtschaftlichen oder politischen Problemen, sie ist entpolitisiert. In diesem Zustand ist das Volk dann leicht zu regieren.

 

Dabei gibt es in Deutschland durchaus wichtige politische und wirtschaftliche Themen, wie z.B. die zunehmende Altersarmut, den Pflegenotstand oder die Rolle als Zahlmeister Europas, die den personifizierten Herrenwitz Berlusconi dazu verleitet, erpresserisch die Übernahme der unter seiner Ägide aufgehäuften Staatsschulden durch die Eurostaaten zu fordern. Ganz nach dem Motto: Rette sich, wer kann – und italienische Kapitäne setzen bekanntlich ja als Erste ans rettende Ufer über.

 

Aber zurück zur Debatte um Herrn Brüderle. Die FDP vermutet dahinter eine gezielte Kampagne gegen die Partei. Wenn’s so ist, hätte ich ein Gegenrezept für Herrn Brüderle. Geben Sie doch statt dem Bohlen den Cameron und garnieren das Ganze mit einem Schuss liberalen Gedankenguts. Das Lager der Europäer, die mit der zentralistisch und undemokratisch geführten EU nicht zufrieden sind, wird in der Parteienlandschaft, die sich der Wahl im September stellt, noch nicht repräsentiert. Hier ließe sich wieder Boden gutmachen. Nachhilfe könnte Herr Brüderle sich bei seinem Parteifreund Frank Schäffler holen.

Harald Rotter, Chefredakteur AnlegerPlus
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